Franken, Spirituelle Wanderungen
Der Niederschlag ist weich
Der Mensch ist ein Wanderer, hört man oft, ein Pilger! Durchs Leben geht er und auch in die Ferne, wo besondere Orte neue Kraft bescheren können. Manchmal aber überrascht das ungreifbar Neue in der Nähe – exakt in dem Moment, da sich Geplantes aufzulösen beginnt: Es ist der letzte Tag der Sommerzeit des Jahres 2012. Wanderinnen und Tagespilger haben sich nach einem ausführlich ausgetüftelten, von vielen kirchlichen Funktionsstellen kommentierten, beobachteten und diskursiv begleiteten Verfahren auf ein paar Schritte im Freien schließlich kirchenkorrekt angemeldet – insgesamt sind es 35. Nun sind 13 von ihnen trotz Tagesniederschlag in der Nähe von Lohr und doch schon abseits der gewohnten Schutzdächer im Hochspessart unterwegs. Unter Leitung von Angela Ruland, Regina Westphal und Georg Magirius wandeln sie in das unaufhörliche Niedergleiten hinein, das den Herbstwald überrascht. Allerdings: Nirgendwo Regen, kein Hagel. Denn der Niederschlag ist weich. Braun, rot, gelb und moosig-grün ist es und über und in allem: Schnee.
Jenseits des Tempolimits
Und das Wunder nimmt seinen gemächlichen Gang. All das Schöngerede, das mühsam Zurückgehaltene, das verkampft Verschwiegene, Verdrückte und Bedrückte samt der hektisch übergangenen Enttäuschungen, das immerfort zur Sprache kommen will, sich aber dann doch viele wieder – gut oder schlecht erzogen! – versagen, ist mit einem Mal abgemeldet. Und die eigentlich doch nie zur Ruhe kommenden Sätze frei von jedem Witz, gesprochen im kommunikativen Normalverkehr bei steter Einhaltung des Tempolimits – selbst sie! Ja, was ist mit ihnen? Auch sie sind für einen zauberhaften Moment zu Hause geblieben. So widerfährt es dem Wanderer, diesem Menschlein, das sich in den abgezirkelten Sträßlein des Sich-Behaupten-Sollens sonst vielleicht abgemeldet fühlt: Es wird frei, ist wieder Mensch – im Schnee, der zwischen Wiesthal und Heigenbrücken im schon längst nicht mehr dunklen Spessart immer weiter fällt.

Der Niederschlag ist weich
Bitte auf dem Boden bleiben! Warnt Pädagogin Angela Ruland. Und serviert in dem fantastisch erhebenden Schneefall zur Mittagszeit etwas zu essen: Eine Suppe, die wärmt. Darin als Zutat: ein Stein. Der nicht im Magen liegt. Sondern eher Teil des Bodens ist, der müde gewordene Füße gehen lässt. Was an diesem Tag geschieht, ist also keine Flucht, die die Mühen des Alltags versteckt. Nein, die Mühen werden zum Ausgangspunkt für die Zuflucht in eine Geborgenheit hinein, zu der der Himmel sich entschieden hat, als er auf die Erde niederschlug. Und dieser Nieder-Schlag ist eben weich, fast unmerklich, aber dann doch auch wieder merkbar zart.

Was ist der Mensch, dass der Schnee seiner gedenkt?
Und alle Geschäfte ruhen. Das ist ein Schweigen, das nicht herrscht, weil es nichts befiehlt. Ein aussprechbarer Klang dafür, dass das Leben nicht zu Ende ist, nie zu Ende gehen kann, sondern in dem Augenblick beginnt, da der kleine oder klein gemachte Mensch bekennt – nur was? Dass er nichts zu melden hat, sich überhaupt nicht bei Wanderungen anzumelden und damit auch nicht abzumelden braucht. Warum? Weil in diesem Schneemoment das gesamte Meldewesen zum Erliegen kommt. Und es wird wahr, was keine Zeitung als Meldung bringt: Der Mensch ist zuweilen von Schnee bedeckt, der aufdeckt, wie groß und liebenswürdig er ist.

Wo es herrlich hell zu werden beginnt
Und die katholisch hochverehrte Jungfrau spricht, spricht wiederum die evangelische Pfarrerin Westphal an der großen Mariengrotte zu Heigenbrücken, als sie die Hände im hellen Schneefall zum Segen hebt: Wanderer, selbst wenn du im Leben keine bergenden Arme erfahren solltest, ist da eine Umarmung, die dorthin gehen lässt, wo es licht zu werden beginnt. – Die Route ist dem Buch “Mystische Orte” entnommen. Mehr zur Reihe GangART hier.