Religion und Poesie
Alternative zu den Zaunverfechtern
Viele achten Kirchen als Kunstwerke. Als akustisch kostbare Räume für Konzerte. Außerdem könne man, sagen einige, ihre energetisch-stille Aura für sich nutzen, sofern man ungestört bleibe. Im Juni 2024 geschieht in Kemberg bei Wittenberg anderes. 200 Menschen sind in der traditionsreichen Kirche. Sie goutieren sie allerdings nicht als Kunstwerk – wohlwollend distanziert, interessiert-skeptisch und so, dass man auf der sicheren Seite bleibt. Stattdessen feiern sie eine bewegungsfreudige Alternative zu den Zaunverfechtern.
Alles fließt in eins
Sie sind das Kunstwerk. Singen, lachen, lauschen, musizieren unter Leitung von Jaqueline Bräuer, Michael Weigert und Christoph Hagemann. Essen, trinken, spielen zur “Ehre Gottes”, wie mehrfach zu hören ist. Damit geschieht, was laut streng rational ausgerichteter Zeitbenutzer unmöglich ist. Die Zeitebenen samt ihrer angeblich starren Grenzen weichen auf. Werden beweglich und schwinden. Alles findet zusammen, fließt in eins. Denn der Sinn einer jahrhundertealten gotischen Hallenkirche erfüllt sich so sehr in der Gegenwart, dass es zukunftsweisend ist.
Beharrlich viele Male
Nicht nur ein, zwei oder drei Mal, sondern beharrlich viele Male mehr, insistierend und fordernd-schön singt der Chor am Ende von der Hoffnung auf Anfang. Von der Sehnsucht nach einer Welt, die mehr als Abgesänge verdient: Dona nobis pacem. Gib uns Frieden.
Wo ist der Chauffeur?
Vor wenigen Jahren noch gaben Bischöfe und Kirchenpräsidenten eloquent Auskunft darüber, wie lang und bequem ihr Dienstauto inklusive Chauffeur mindestens sein müsse, damit sie ihre Führungsarbeit angemessen ausüben können. Als kirchenleitende Person hätten sie schließlich die Pflicht, im gesellschaftlichen Diskurs respektive Kampfgeschehen ausreichend aufzufallen.
Zur Kirche mit dem Rad
In Kemberg fällt auf: Dr. Gabriele Metzner, Superintendentin des doch nun nicht gerade unrespektablen Evangelischen Kirchenkreises Wittenberg, ist zur Kirche mit dem Fahrrad gekommen.
Noch eine Fußgängerin
Viele sind mit ihr in die Pedale getreten. Andere haben das Ziel zu Fuß erreicht, selbst Pferde sind nach Kemberg geschritten. Gefeiert wird ein Pilgerfest in der Kirche, die nach Maria benannt ist. Noch eine bewegungskundige Fußgängerin. Zur Geburt eines gewissen Jesus ist sie schwanger nach Bethlehem gewandert. Dann flieht sie laut biblischen Quellen mit Josef und dem Baby nach Ägypten – erneut zu Fuß. Das sind die Anfänge des Lebens Jesu, der später ab und an Boot fährt, auch mal auf einem Esel reitet (ohne Chauffeur) und meist zu Fuß durch die Gegend streift.
Frei von Nervosität
Wirkt die Kirche St. Maria deshalb trotz ihrer Kunstwerke nicht als Burg, Palast oder Schloss, in dem sich Christusanhänger verschanzen? Eher bewegen sie sich leichtfüßig und frei von Nervosität. Da ist Spielerisches, Beschwingtes, Heiteres, Aufbruchslustiges. Und damit ein Empfinden dafür, dass der Vorläufer des Tempels in Jerusalem eine Hütte gewesen ist. Ein Zelt, das transportabel, also aufbaubar und wieder abbaubar war. Ein Ort, an dem sich rasten lässt, um dann weiterzuziehen – mit neuem Mut. Denn Gott, heißt es laut dem Buch Exodus, kommt in der Hütte zu Besuch.
Streng logisch
Aber jetzt noch mal in Ruhe und streng logisch: Was bedeutet es genau, wenn Menschen singen, beten, feiern, zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind “zur Ehre Gottes”? Offenbar geht es dann nicht um die Erfüllung des Slogans: Me first. Also nicht um das aktualitätsverwöhnte Allheilmittel Selfcare, genauso wenig um Nation first. Sondern um eine Alternative zu den Zaunverfechtern, was eine Form von Gerechtigkeit und Ausgleich ist. Denn floriert die Zunft der Zaunhersteller, Mörtel- und Mauersteinhersteller nicht schon genug?
Der Weg zum anderen
Dr. Ekkehard Steinhäuser, Präsident der Deutschen Lutherweg-Gesellschaft, schildert in der Predigt, was einem unterwegs geschehen kann. Einmal habe er intensiv die Motive von Pilgern erfragt. „Ich hatte erwartet, dass sie Ruhe, Entschleunigung und Ausgleich für sich suchen.” Die Antworten, die er erhielt, waren verblüffend. Der Weg zu sich selbst fördere damit zugleich den Wunsch, dass es anderen gut gehe. Es wachse der Sinn fürs Ganze.
Kontur und Haltung
“Der Moment zum Aufbruch kommt manchmal überraschend, mitten in der Nacht”, sagt der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius von der Reihe GangART, der sich die Predigt mit Ekkehard Steinhäuser teilt. Mit solch einem Aufbruch gewinne der Mensch Haltung. Magirius weist auf den Gymnastikenthusiasten Franz Kafka hin. Ihm wird der Satz zugeschrieben, der das Motto des Pilgerfests in Kemberg ist: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“
Schenkelschlagen á la Kafka
Schriftsteller Kafka sei beim Aufbrechen das Schlagen auf die Schenkel wichtig gewesen – von hinten. Also nicht von vorn oder von der Seite, wie man es heute bei Sportlern beobachte. Das Schenkelschlagen á la Kafka bringe das Becken nach vorn, was wiederum die Mobilität der Wirbelsäule fördere, ein aufrechtes Gehen. Ein gutes Ziel eines Spaziergangs in der Nacht sei laut Kafka, nach einem Freund zu sehen. Wer aufbreche und sich um sich kümmere, folgert Magirius, habe den anderen im Blick – als Freund.
Alternative zu den Zaunverfechtern – die Fotos
Die Fotos des Beitrags “Alternative zu den Zaunverfechtern” stammen von Matthias Keilholz.